Kolkata (Calcutta)
Die Metropole am Hoogly als “Sehenswürdigkeit” im traditionellen Sinne anzupreisen wie Agra, Jaipur oder Hampi, erscheint nicht gerechtfertigt. Und es sei jedem angeraten, der seinen Fuß das erste Mal auf indischen Boden setzt, dies nicht gerade in Kolkata zu tun, wo Indiens zuweilen erschreckendes Gesicht so überaus deutlich zutage tritt und ein Kulturschock unausweichlich scheint. Kolkata sollte man sich nur nach guter Vorbereitung und bereichert durch Erfahrungen mit der fremden Welt Indiens nähern, erst dann wird man die Stadt annehmen und vielleicht sogar verstehen.
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Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße schreiben, wie Gott ihn fallen lies und Calcutta nannte. Wie es wimmelt, stinkt und lebt und immer mehr wird.” Günter Grass, von dem diese Worte stammen, ist nicht der Einzige, den die ehemalige Hauptstadt Britisch- Indien an seine ästhetischen, moralischen und psychischen Grenzen geführt hat. Mathma Ghandi bezeichnete sie als “
die Pestbeule Indiens”.
Oh, Kalkutta!
Bereits die Erwähnung dieses Namens erweckt Bilder von Hunger, Krankheit, Elend und Tod. Kalkutta kann den zweifelhaften ruf für sich in Anspruch NEHMEN, DIE Stadt mit dem weltweit schlechtesten Image zu sein. Die ehemals modernste Stadt Indiens ist zum Elendsviertel des ganzen Subkontinents verkommen.
Einst von den Briten für maximal 1 Mio. Menschen geplant, platzt der Albtraum Kalkutta aus allen Nähten. Innerhalb von 30 Jahren wuchs die Einwohnerzahl von 4,4 Mio. auf heute über 17 Mio.
Kalkutta ist Indien im Brennspiegel, alle Schönheiten und Scheußlichkeiten finden sich hier auf engstem Raume. Gerade westlichen Besuchern fällt es schwer, all die Wiedersprüchlichkeiten zu akzeptieren. Doch wer sich dieser Stadt unvoreingenommen stellt, anstatt ihr angewiedert den Rücken zu kehren, der kann auch viel über sich selbst erfahren. So gilt für die Stadt mehr noch als für Indien insgesamt: Kalkutta ist, was jeder einzelne daraus macht. Ob man es liebt oder hasst, es lässt niemanden unberührt.
Uns hat Calcutta zu tiefst berührt, aber leider sind wir hier auf unserem Weg zum Bahnhof ausgeraubt worden, unser Taxifahrer ist mit unserem ganzen Gepäck einfach davon gefahren als wir ihn gezahlt hatten und wir aussteigen wollten um unser Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Das ist eben leider auch Calcutta....
Im Folgendem ein Emailauszug an unsere Familie zuhause...
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Calcutta ist so ziemlich die aermste, dreckigste, versmogte Stadt die wir alle (Reisen momentan mit einer Amerikanerin und dem Raphael) hier erlebt bzw gesehen haben. Es ist einfach total schwer die ganzen Eindruecke zu verarbeiten und in worte zu fassen. Wenn du hier in Calcutta nur vor deine Hoteltuer gehst, haemmert es wie ein Hammer auf dich ein. Du siehst Kinder die schwere Saecke oder Kisten schleppen, Muetter die ihre halbverhungernden Kinder fast nicht mehr im Arm halten koennen weil sie selbere zu schwach sind, wenn du Familien siehst die in der Bahnhofshalle schlafen muessen weil sie kein Zuhause haben und dann von einem Polizisten aus dem Schlaf gepruegelt werden weil sie im Bahnhof zusammen gekauert auf dem dreckigen,verpinkelten Boden liegen um sich ein paar Stunden von dem Strassenleben zu erholen.. wenn du 20km nur durch Slums mit der Eisenbahn faehrst, wo es so sehr stingt, dass du das Wuergegefuehl bekommst wenn du die Luft einatmen musst und die Menschen in den Muellbergen siehst, die nach Essen suchen und doch nichts finden, weil es schon Hunderte vor ihnen versucht haben... wenn du zusehen musst wie ein kleiner Junge der keine Kleidung hat, dich vor dem Hotel anstupft und um was zu essen bettelt, und dann von dem Secutity-Beamten vom Hotel eine Kopfnuss bekommt weil er dich angestupft hat und der Junge dann heulend davon rennt... dann faengst du an dich zu fragen was du als reicher Europaer eigentlich hier machst und wer dir eigentlich das Recht dazu gibt hier her zu kommen um das alles zu sehen!?
Wenn du anfaenst an deinem westlichen Weltbild zu zweifeln, das die Welt doch so schoen ist und das Leben so toll ist... und dann faengst du an dich zu schaemen wenn du aus dem Zug mit deinem tollen Rucksack aussteigst an dem deine neuen Bergschuhe baumeln und dich auf die Suche machst nach einem Hotel... und die fehlen einfach nur die Worte wenn du aus deinem kleinen, verdreckten, dunklem Hotelzimmer auf die Slums auf der anderen Strassenseite schaust, wenn das Wasser, das aus dem Wasserhanen kommt, dreckig ist und wahrscheinlich Hepatitisviren enthaellt, dann kommen wieder die Fragen nach dem warum????
...und dann wenn du fertig bist, weil du die ganzen 36h im Zug von Chennai dich nicht getraut hast zu schlafen weil du Angst hast das dein Gepaeck geklaut wird, obwohl du alles angekettest hast und alles mit lauter Schloessern verschlossen ist, fraegst du dich ob das wirklich das ist was du dir vorstellst von einer Reise in Ferne, andere Kulturen.... dann faengst du an nachzudenken... dann setzen sich Bilder von schreienden, hungernden Kindern in deinen Kopf fest, die du womoerglich nie wieder vergessen wist... Das ist eben das andere Indien, das was in den schoenen Umschreibungen der Reisefuehrer nicht oder nur sehr selten erwaehnt wird...
und dann gehst du hin und laesst dich von einem Taxi die 6km zu der Mission von Mutter Teressa bringen, die Fahrt dorthin ist schon so schrecklich weil du 10 Mal denkst das du gleich sterben musst bei dem Fahrstil der Inder und dann ist noch "Normaler Stadtverkehr" d.h. 6km = 3 Std. Fahrt, und der Smog ist so krass, dass man die Autolichter am Tag anmachen muss das man was sieht... das ist dann Calcutta. Dort in der Mission angekommen, bist du dann so fertig das du dir ueberlegst nicht einfach dein auslaufendes Visum links liegen zu lassen und einfach da zu bleiben und irgendwo mitzuhelfen um dein Gewissen zu beruhigen.. dann versuchst du dich wieder zu beruhigen und spendest dein ganzes Geld was du dabei hast einer Schwester von dort mit der Bitte das sie es dort einsetzt wo es grade noetig ist. Dann gehst du wieder raus auf die Strasse und das Elend verfolgt dich bis in die naechste Metro Station, denn dort ist alles termetisch abgeriegelt und es kommen nur "Reiche" in die Metro und dann faehrst du Richtung Hotel um deine Sachen zu holen um raus aus dem Elend zu kommen mit dem naechsten Zug.... dann bist du zwar aus der Stadt (nach wieder ueber 20km Slums), aber ein schlechtes Gefuehl begleitet dich, 24h am Tag, weiterhin, auf deiner ganzen Reise und das bekommst du ebensowenig aus dem Kopf, wie die Bilder, vielleicht nie wieder... das ist das andere "incredible India".
Und dann faehrst du der Sonne entgegen, die irgendwo im Smog (und nicht am Horizont) untergeht, und du sitzt in einem Zug der Indian Railways, der vor einer Stunde von hungernden Strassenkindern geputzt wurde, die fuer einen Muellsack den sie rausholen aus den Wagons 5 Rupies (nihtmal 1 Cent) bekommen... und dann folgt eine weitere schalflose Nacht in einem Nachtzug (weil du wieder Angst hast dass vielleicht jm kommt und deinen Rucksack aufschlitzt und deine Sachen klauen moechte)nach Dargeeling, den Hillstations mit den besten Teesorten der ganzen Welt..
Die letzten 100 km sitzt du dann in einer Schmalspurbahn auf einer der schoensten Esienbahnstrecken der Welt inmitten durch die Teeplantagen mit tollen Weitblicken tief ins Landesinnere... und dann in ueber 2000m Hoehe liegt dir dann eine "Kleinstadt" mit nur rund 100000 Einwohnern zu Fuessen, umgeben vom Himalaya und dem dritthoechsten Berg der Welt, dem Kangangzoenga mit 8599m. Erschoeft kommst du dann in einem kleine netten Guesthouse an (du musst die letzte 500m der Strasse laufen, weil die Strasse so steil und eng ist, dass das Auto nich hochkommt) von einem Exiltibeter, der dich nach einem netten Gespraech auf seine private Dachterasse einlaed und dir die Stadt im Lichterglanz erklaert und dir anbietet dich morgen frueh zu wecken um 4.30Uhr falls die Sicht aus den Berggiganten frei ist um ein tolles Erinnerungsfoto zu schiessen... dann bist du wieder in einem anderen, sehr schoenen Indien, wo du dann wieder weisst warum du den weiten Weg hierher gekommen bist..."
Ausdrueckich sei hier an dieser Stelle auf die Buecher “Zunge zeigen” von Guenter Grass hingewiesen, in dem er in Tagebuchform die erstuermenden Eindrucke in Tagebuchform aufgezeichnet hat, und auf den Bestseller von Dominique Lapierre “Hölle Indiens”, der in seinem Buch einen sehr tiefen Einblick in die Seele dieser Stadt gewährt und tief davon überzeugt ist, dass hier in Kolkata mehr Hoffnung und Menschlickeit zu finden sind als in manch glitzernder Großstadt unserer westlichen Welt. Eines ist aber unbestritten: Kolkata ist eine Hochburg der Interkulturellen, ein Zentrum anspruchsvoller Kunst und Kultur, das international anerkannte Filme hervorbringt und mit Rabindranath Tagore einen der größten Dichter unserer Zeit zu seinen Bürgern zählen durfte.
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Let us bring peace into the world by love and compassion, by respecting life, the most beautiful gift of God. Let us love each person - the unborn, the young, the old, the sick and the poor - with the same love which God loves each of us, a tender and personal love .” (Blessed Teresa of Calcutta)
Oh, Kalkutta Bilder!